Sonntag, 6. September 2009

Highway to Hell -Die Abreise

30.04.09 Tag XIII
Highway to Hell - Die Abreise
Man, was habe ich in den letzten beiden Wochen nicht alles erlebt. Alles begann mit unserem deutschsprachigen Guide, der uns die Schönheit der Stadt vor Augen führte und uns zu kleinen Experten ausbildete. Nach den orthodoxen Osterfeiertagen erkundeten wir Kiew mit der Austauschgruppe, besuchten Teile des Weltkulturerbes und sahen weit mehr als nur ein paar Kirchen.
Doch das war noch lange nicht alles, was uns hier geboten wurde. Seien es die vielen Veranstaltungen in der Schule, das gut gemischte Programm allgemein, oder einfach nur die zwischenmenschliche Kommunikation. Und das Wichtigste: Alles was wir taten war immer mit einem Haufen Spaß verbunden.
Die Koffer habe ich gestern Abend gepackt. Ein letztes Mal werde ich von dem Chauffeur gefahren. Die Stimmung im Auto ist eher ruhig. Die Verabschiedung von den Gasteltern war sehr herzlich, aber auch traurig. Natürlich freue ich mich ein bisschen auf mein echtes zu Hause in Kerpen, doch möchte ich wirklich gehen? Die Autobahn führt gerade aus, zielstrebig führt sie auf das Zentrum zu. Die vielen Bäume an den Seiten scheinen enger an einander gerückt zu sein. So dicht, so bedrohlich wirken sie auf einmal, lassen keinen Ausweg offen, es geht gerade aus. Auch düstere Wolken ziehen auf, es steuerten wir geradewegs in ein Gewitter hinein. Das erste Mal stört mich der schnelle Fahrstil unseres Fahrers, kann er nicht ein bisschen langsamer fahren? Die vielen Blumensträuße, Unfallopfern gedacht, würde ich jetzt gerne als Trost für mich beschlagnahmen. Die Straßenlaternen scheinen sich vor mir zu verneigen, gucken traurig zu Boden. „On the Highway to hell“ (ACDC) tönt es in meinem Kopf. Naja, so schlimm wird es schon nicht sein. Was soll ich hier schon großartig vermissen? Meine neuen Freunde, insbesondere meine Gastfamilie, die Stadt, die Kultur, die Lebensart und besonders die Gastfreundlichkeit. An diese werde ich mich noch lange erinnern, weit über den Zeitpunkt hinaus, an dem ich meine hinzugewonnen Kilos wieder wegtrainiert habe. Abschiedsspaziergang durch Kiew. Ein letztes Mal diese Stadt erfahren. Dann beginnt der erste Teil eines langen Abschieds. Im Konferenzsaal, an dem Ort wo wir vor 13 Tagen Willkommen geheißen wurden, werden wir nun verabschiedet. Reden werden gehalten, kleine Gesten werden ausgetauscht und die ersten dicken Tränen kullern an einigen traurigen Gesichtern hinunter. Das Gepäck wird verladen, eine Aufgabe, bei der ich als begeisterter Tetris-Spieler im Vorteil bin. Denn es ist nicht leicht. Viele nehmen mehr Dinge mit zurück als sie hergebracht haben. Erfahrungen sind dabei nicht inbegriffen. Es hätte mich nicht verwundert, wenn es jetzt auch noch angefangen hätte zu regnen. Bestimmt setzte auch ein kalter Wind ein, von dem wir in dem Bus, der anscheinend über eine eigene (subtropische) Klimazone verfügte, aber nichts merkten. Ich wage es und werfe einen letzten, sehnsüchtigen Blick aus dem Fenster und blicke in ein Meer voller trauriger Gesichter und winkender Hände. Hätte eine bestimmte Person nicht das ständige, dringliche Bedürfnis sich mit lauter Musik umgeben zu müssen, wäre es im Bus wohl so leise, wie nach einem Bombeneinschlag gewesen.
Zweieinhalb Stunden Flug, dann sind wir zurück, in Köln. Wie ich festgestellt habe scheint zumindest über den Wolken die Sonne noch immer. Noch mindestens vier Monate, bis wir unsere Freunde an diesem Flughafen euphorisch Willkommen heißen werden. Bis dahin werde ich mich noch oft und gerne an diese wunderschöne Zeit in der Ukraine zurück erinnern.
Ich hoffe, ich konnte dem ein oder anderen an meinen Erfahrungen teilhaben lassen und vielleicht ist der ein oder andere ja neugierig geworden und möchte sich vor Ort von meinen Schilderungen überzeugen. Ich kann es nur empfehlen.
Wieder in Deutschland verabschiedet sich,
Daniel Karthäuser

Freitag, 4. September 2009

Zeiten des Aufruhrs

29.04.09 Tag XII
Zeiten des Aufruhrs
Der letzte wirkliche Tag neigt sich dem Ende zu, asynchron wächst die Gewissheit, dass auch mein Aufenthalt in dieser wunderbaren Stadt zu Ende geht. Wie ewig kamen mir die ersten Tage vor und wie schnell floss die Zeit letztendlich an mir vorbei?
Doch Zeit vergeht nicht immer gleich schnell. Gefällt uns etwas, haben wir Spaß fliegt sie nur so davon, ohne dass wir es bemerken. In den letzten Tagen ist sie immer schneller an mir vorbei gesaust. Eine alte Weisheit sagt, man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist. In den letzten Tagen erlebte ich ein Highlight nach dem anderen, ein Höhenflug der Gefühle, ja eher ein Rausch von Euphorie trug mich umher. Ich habe meine Koffer gepackt. Das Zimmer wirkt so leer und nackt. Ich rede mit meinem freudestrahlenden Austauschpartner. Eine gute Taktik, die traurige Gewissheit mit Witzen zu verdrängen. Wir lachen so viel, wie eigentlich jeden Tag. Doch diese Betrübnis lässt nicht los. Dunkle, depressive Wolken ziehen auf, im siebten Himmel der Gefühle.
Es war ein schöner Tag. Wir irrten durch die unterirdische Shopping-mall, schleuderten unser letztes Geld heraus, man könnte meinen um der ukrainischen Wirtschaft zu helfen, da wir dieses Land so lieb gewonnen haben, aber natürlich auch, weil viele Dinge hier sehr billig oder bei uns nicht erhältlich sind. Wir streifen auch durch andere Einkaufszentren. Ich werde hinterher geschleppt von zwei jungen Damen aus unserer Austauschgruppe, doch die Schaufenster nehme ich nur nebensächlich war. In der Schule bereitete uns die nette Belegschaft ein letztes Essen, das wir hier so oft genießen durften. Volksmündlich die Henkersmahlzeit genannt und so fühlte es sich auch an. In meiner Gastfamilie wurde mir dann eine zweite Henkersmahlzeit bereitet. Man, wie werde ich diesen Wildrosen-Tee vermissen...Stop!
Noch bin ich in Kiew. Uns wurde ein weiterer wunderbarer Tag zum Geschenk gemacht. Während unsere Austauschpartner leider im Unterricht schmorten, trieben wir uns herum, in der tollen Stadt.
Das Wetter war auf unserer Seite, wir scheinen einen loyalen Verbündeten zu haben. Doch der eigentliche Abschiedsspaziergang steht erst morgen an. Zu Hause (ja, bis jetzt bin ich diese Formulierung immer umgangen), erklärte uns unser Gastvater wieder einige nützliche Kampftechniken und praktische Übungen. Und jetzt werde ich gemeinsam mit Andrej (ein neuer Freund, mein Austauschpartner) das heutige Championsleague-Spiel gucken!
Damit verabschiede ich mich aus Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Morgen (oder je nach Erschöpfungsgrad übermorgen) wird ein Bericht des Abschlusstages und ein kurzes Resümee folgen.
Tschüss aus Kiew,
Daniel K.

Donnerstag, 3. September 2009

Immer munter, rauf und runter

28.04.09 Tag XI
Immer munter, rauf und runter
Runter auf den Boden und „hopp hopp“ ab durch die Ringe robben! Ein Seil hinauf und balancieren. Zu einem Pfosten im Boden sprinten und wieder fünf gebückte Runden im Vollgas um jenen Pfosten rasen. Auf ein Netz hinauf und wieder nieder auf allen Vieren dieses überqueren. Einen Steilhang hoch, auf der anderen Seite wieder abseilen. Noch einen Hügel erklimmen und mit einer abenteuerlichen Seilkonstruktion und angebrachter Seilbahn wieder hinunter düsen. Rauf und runter, immer munter, ja, das könnte das Motto des heutigen Tages gewesen sein. Was sich nach für den Krieg vorbereitenden Übungen anhört, wurde nicht von strengen Offizieren geleitet, sondern von einem ganzen Team von lustigen Abenteuer-Pädagogen auf die Beine gestellt und lief unter dem Namen „Abenteuerpädagogik“. Alle Schüler nahmen an dieser Pflichtveranstaltung teil. Zwischen den verschiedenen Aktivitäten galt es die Wegmarkierungen, die quer durch den Wald führten, nicht aus dem Auge zu verlieren und nebenbei Buchstaben für ein Lösungswort aufzuspüren. Wölfe begegneten uns bei unseren Streifzügen zwischen den Bäumen zwar nicht, dafür aber ein Wildhund, der uns die ganze Zeit über neugierig verfolgte. Das mehrstündige Programm war nicht sehr herausfordernd (da es auch für die Jüngeren schaffbar sein musste), brachte aber auf jeden Fall einen gewissen Spaßfaktor mit sich. Klassenweise, mit je einem betreuenden Lehrer im Team, eiferten die verschiedenen Mannschaften um die Wette. Auch uns, der deutschen Delegation, wurde am Ende zur Erinnerung eine Siegerurkunde samt Wappen der Schule verliehen. Die Veranstaltung, die einmal im Jahr statt findet, ging jedoch noch weiter. Es wurden Holzscheitel, um nicht sagen zu wollen Baumstämme, aufgestapelt und ein riesiges Lagerfeuer, das mehr an das Feuer eines St. Martinszug erinnerte, entzündet. Dann wurde von der Gitarre begleitetet gesungen, getanzt nicht, aber gelacht.
Nach einer abschließenden, gemeinsamen Aufräum- und Müllsammelaktion ging es dann mit den schuleigenen Bussen zurück ins Lyzeum. Während der Veranstaltung wurden mir die Vorteile einer kleineren Schule bewusst. Alle kennen sich, das Klima untereinander ist gut, das zu den vielen Lehrern auch. Wusstet ihr, dass wir eine scheinbar fast genau so gute Lehrer-Schüler-Relation haben, wie an dieser Privatschule? Ob 28 Lehrer auf 250 Schüler, oder 250 Lehrer auf 2200 Schüler, macht keinen großen Unterschied. Jedoch täuscht die unsrige Zahl, da es sich hier noch lange nicht um die Anzahl der voll arbeitenden Lehrkräfte handelt. Zieht man die Referendariats-Stellen und in Kurzzeit arbeitende Lehrer ab, fällt unsere Lehrerzahl deutlich geringer aus.
So verging auch dieser Tag. Langsam neigt sich mein Kiew-Aufenthalt dem Ende entgegen. Morgen heißt es schon wieder Sachen packen, um übermorgen wieder nach Deutschland zurück zu kehren. Ein Grund den morgigen Tag noch einmal richtig zu genießen!
Viele Grüße aus Kiew,
Daniel K.

Dienstag, 1. September 2009

Wer hat die größten Eier?

27.04.09 Tag X
Wer hat die größten Eier?
Wir schreiben das 21. Jahrhundert. Es ist der 27. April 2009. Die Frage, ob das Huhn oder das Ei zuerst war, interessiert jetzt keinen mehr. Wir fragen uns: Wer hat die größten Eier??
Der Kuckuck legt kleine, dafür bunte Eier. Hühnereier stellen für ein Kind eine ordentliche Portion dar. Gänseeier sind immerhin etwas größer. Doch das Ei eines Straußes übertrumpft sie alle! Gigantische 20-25 Hühnereier braucht man, um dem gleichen Inhalt eines einzigen Straußeneies, das in seltenen Fällen bis zu 2,5kg wiegt und nicht ganz die Größe eines Footballs erreicht, zu entsprechen.
Interessant ist, dass die Eier des afrikanischen Straußes zu den größten Eiern der Welt gehören, jedoch in Relation von Ei- und Körpergröße mit die kleinsten sind. Denn männliche Strauße werden bis zu 3m hoch, erreichen ein Gewicht von ca. 160kg, davon sind jedoch gerade einmal 30-40kg genießbares Fleisch. Wie grausam, mag ein mancher jetzt denken, dass ich erst die Faszination die von diesen Tieren ausgeht in den Vordergrund stelle, um nun auf ihren Verzehr und die damit verbundene Tötung dieser Lebewesen kommen. Doch natürlich sind mir diese Tiere nicht mitten in Kiew, auf den Kastanienbäumen, sprich in „freier Wildbahn“ begegnet (es sei angemerkt, dass diese größten Vögel unserer Erde nicht fliegen, dafür aber Geschwindigkeiten von kurzfristig bis zu 80km/h erreichen können, weshalb das mit „auf den Kastanienbäumen“ nicht ernst zu nehmen ist), nein, wir besuchten heute eine Straußenfarm!
Während einer sehr interessanten Führung wurden wir immer wieder von den neugierigen Tieren zum Lachen gebracht. So wurden wir gebeten, einen Mindestabstand von einem Meter oder mehr zu den Zäunen einzuhalten. Da die Tiere alles sehr genau untersuchen wollen, besonders glitzernde Dinge. Während wir also Abstand hielten, wurde unsere Führerin immer wieder von ihr in den Rücken fallenden Straußen attackiert, die besonders auf ihre Uhr aus waren.
Einen Strauß zu reiten, was ich sehr gerne getan hätte, war leider nicht möglich. Mir einen für ca. 1000$ zu kaufen war mir leider - in Angesicht einer weltweiten Wirtschaftskrise -, die man hier besonders stark erfährt, da die Schwellenländer jene noch viel stärker zu Spüren bekommen als z.B. eine Weltwirtschaftsmacht wie Deutschland (so befinden sich in unmittelbarer Nähe zum Haus in dem ich wohne viele unvollendete Villen, was sich mit der Finanzkrise erklären lässt), zu teuer. Ein beachtlicher Betrag für diese Tiere, doch uns wird so gleich erklärt, dass absolut alles (nicht nur das Fleisch) dieser Tiere weiter verarbeitet wird. So sei Straußenleder inzwischen begehrter als Krokodil-Leder. Naja, wer darauf steht...
Quasi als Ersatz für das nicht verpasste Straußenreiten zog es viele aus der Austauschgruppe, darunter zwei mutige Lehrerinnen, ganz nach dem Motto „gleich und gleich gesinnt sich gern“ auf ein Kamel. Auch ich kam in den Genuss dieses ungeheuren „Wackel-Vergnügens“.
Nach der Besichtigung trieb es uns auf einen in der Nähe gelegenen Spielplatz, wo wir uns so gleich austobten. Ein waschechter Abenteuerspielplatz, die Geräte (geschätzt anno 1946) ließen mit jedem Ächzen den Adrenalinspiegel in die Höhe schießen. Unsere verantwortungsbewussten Lehrpersonen konnten dies nicht weiter tatenlos mit ansehen, also ging es mit zwei gut gefederten Kleinbussen über eine mindestens genauso abenteuerliche Landstraße (das Wort „LAND-Straße“ bekommt hier eine ganz neue Bedeutung) wieder zurück in der Schule, an den Ort, an dem alles begann.
Auf jeden Fall war die Exkursion für alle ein sehr spaßiges und auch interessantes Erlebnis. Nachdem wir uns abermals in der Restaurant-Mensa verwöhnen ließen, durften wir einer weiteren Aufführung, die von Schülern der Schule vorbereitet wurde, beiwohnen. Diesmal stand eine moderne Fassung des altbekannten Märchens „Rotkäppchen“ auf dem Plan, welches als Musical ausgeschrieben war. Die Neuinterpretation mit einem Mädchen mit roter Baseballkappe und bösen Gangstern, die im Wald lauerten, ist definitiv gut gelungen. Wie mittlerweile gewohnt, war auch dies ein ereignisreicher Tag.
Viele Grüße aus der nördlichen Ukraine,
Daniel K.