25.+26.04.09.Tag VIII und IX
Wochenende in Kiew
Ich blicke zurück auf eine ereignisreiche Woche. Endlich ausschlafen, durchatmen und erholen, dachte ich. Und so meine Erwartungen an das Wochenende. Doch, wie so oft, kam es anders als geplant. Ausschlafen konnte ich bis immerhin 10Uhr.
Danach hieß es aufstehen, duschen, frühstücken und ab in den Zirkus. In den Zirkus? Wer jetzt an bunte Zelte, unlustige Clowns und im Kreis jagende Pferde denkt, der war noch nie im ukrainischen Nationalzirkus. Auch ich war schon einige Male in größeren Manegen zu Gast, doch was ich hier erleben durfte, überragte alles, was ich bis jetzt in dieser Hinsicht gesehen hatte. Im Gegensatz zu den bei uns weit verbreiteten (im wahrsten Sinne des Wortes) Wanderzirkussen, hat der ukrainische Zirkus einen festen Sitz, mitten in der Hauptstadt. Bereits das kolosseumartige Bauwerk strahlt etwas Mächtiges, Überragendes aus. Wir schreiten die Stufen empor und blicken in eine noch ehrfürchtiger anmutende Eingangshalle. Wahrlich wie eine Arena, oder wie ein überdachtes Kolosseum, kommt es mir vor. Das hungrige Publikum klatscht begierig, als die Akteure, vom Orchester begleitet, die Manege betreten.
Dies ist der Beginn einer atemberaubenden, zusammenhängenden Show. Letzteres hat mich besonders beeindruckt. Die Übergänge waren absolut harmonisch. Die Umbauarbeiten werden von Gags, Tanzeinlagen und interaktiven Programmen geschickt in den Hintergrund gedrängt. Niemals wirkt die Vorstellung „hackig“ oder unterbrochen. Nein ganz im Gegenteil: Die zwei bis drei Stunden fließen schnell an mir vorbei. Dressierte Tiger, mit „Frauchen“ kuschelnde Löwen, springende Hunde, mit Feuer jonglierende Katzen, Stachelschweine und noch viel mehr Tiere beglücken das Publikum. Hunde, Katzen und Schweine hören sich nicht sehr exotisch an, doch was diese leisteten ist unvergleichbar, einzigartig und leider schwer zu beschreiben.
Doch dies alles wurde übertrumpft von den artistischen Meisterleistungen, die ihres Gleichen suchen. Gleich zu Beginn wurden Menschentürme gebildet, indem ein Artist auf den anderen katapultiert wurde. Sicherheitsseile oder ähnliche Instrumente waren nicht erkennbar. Die Akteure müssen sich voll auf ihre Kameraden verlassen können. In schwindelerregender Höhe fliegen Akrobaten umher, vollführen kunstvolle Überschläge – unter ihnen nur ein grobes Netz. Das Publikum ist sichtlich angespannt. Das hier ist live! Kein TV, keine Aufnahme irgendeiner Art, das geschieht hier und jetzt, vor meiner Nase. Alles kann passieren und es passiert. Ein Akrobat verfehlt seinen „Auffänger“, ein Raunen geht durch das Publikum, die Menge jubelt als er sich nach seiner Netzlandung wieder erhebt. Er begibt sich wieder auf die 15m über ihm liegende Plattform. Das erste Mal spüre ich eine leichte Anspannung bei einem der professionellen Akteure. Sein Partner hat ihn nicht gefangen, er ist unsicher, denn dieser Fehlschlag hat sein Vertrauen geschwächt. Doch er probiert es wieder und erntet einen gigantischen Beifall von dem berauschten Publikum, als er dieses Mal sein Ziel erreicht. In diesem Moment hat wohl nicht nur er, sondern das ganze Publikum durchgeatmet. Absolut sehenswerte Akrobatik. Das ist Weltklasse!
Nach der Vorstellung wurde ich Augenzeuge eines weiteren Spektakels. Einige Jungen aus der Austauschgruppe demonstrierten ihre geistige Entwicklung, indem sie mit bunten Leuchtstäben die epischen Gefechte aus den Star-Wars-Filmen nacheiferten. Die Versuche sahen weniger akrobatisch aus, waren dafür aber umso amüsanter.
Doch weiter ging es im Programm. Nach einem Stadtspaziergang, vorbei an der Wladimir-Kathedrale ging es zur Andreas-Kirche. Doch genau so interessant wie dieser waren die berühmten Ausstellungen der Straßenkünstler und die Waren diverser anderer Händler. Da wir etwas im Verzug waren, hatten wir leider nur wenig Zeit für einen Bummel.
Unser nächstes Ziel war der Hafen. Mit der Seilbahn, welche Ober- und Unterstadt verbindet, ließen wir uns hinab und erreichten schon bald unser Ziel. Es folgte eine Flussfahrt über den Dnjepr, der nach Wolga und Donau der dritt größte Fluss Europas ist. Während der mehrstündigen Fahrt wurden wir nicht von Delfinschulen, dafür aber von wärmenden Sonnenstrahlen begleitet. Die Schifffahrt war ein voller Erfolg. Es war eine wunderbare Gelegenheit sich mit verschiedenen Leuten aus der Gruppe auszutauschen.
Die Sonne ging langsam unter, als das Schiff wieder andockte. Empfangen wurden wir von unseren Gasteltern, die uns abermals zum Essen mitnahmen. Doch wer jetzt glaubt, danach fuhren wir nach Hause und gingen ins Bett, liegt ziemlich falsch. Es war Samstagabend, Zeit auszugehen. So führte es mich in eine der größten und modernsten Diskotheken Europas, in der auch bei uns bekannte Szene-Größen wie ATB oder Josh Gallahan in dieser Nacht ihre Platten auflegten. Die Atmosphäre war einzigartig. Ich bin noch nie bei einer derartigen Veranstaltung von solcher Größe dabei gewesen. Selbst gegen Mitternacht warteten junge Erwachsene sehnsüchtig darauf in die volle Halle eingelassen zu werden. Mich würde interessieren, wie viele Menschen sich an diesem Abend dort befanden; Ich weiß es leider nicht. Wir feierten bis spät in die Nacht und hatten sehr viel Spaß. Wie lange wir dort geblieben sind, weiß ich leider auch nicht mehr.
An was ich mich jedoch umso besser erinnere, ist der heutige Tag 9, der sich jetzt so langsam seinem Ende zuneigt. Wir fuhren in eine Art „Indoor-Freizeitpark“, den ich „Kinder-Las-Vegas“ taufte. Auch dieser machte einen neuartigen, modernen Eindruck. Die vielen Spielautomaten erinnerten mich an diverse amerikanische Filme. Unter anderem konnte man sich in ein Cockpit setzen und Auto fahren, spürte dabei jede Vibration und hatte selbstverständlich die Pedalen und ein Lenkrad, so wie eine Gangschaltung zur Verfügung. Eine wunderbare Gelegenheit meine wilden „Autofahrfantasien“ auszuleben, von denen ich es bevorzuge im wirklichen Straßenverkehr abzulassen.
Das Highlight in diesem Center war jedoch das „Laser-Game“. Bei diesem Spiel, bei dem man sich selbst und nicht die Recheneinheiten eines Computers betüchtigen musste, bekam man eine futuristisch aussehende Ausrüstung: Eine Weste mit blinkenden Zielsensoren und eine Laserwaffe vervollständigten das Rüstzeug. Wir bildeten mit unseren Austauschpartnern ein Team und spielten gegen eine andere Gruppe. Das Spiel fand in einem verdunkelten Gebäudetrakt statt. Trotz meiner anfänglichen Missverständnisse und Unfähigkeit, bereitete dieses Spiel, bei dem es darum ging auf die Zielsensoren der Gegner (Spieler eines Teams hatten die selbe „blinkende Farbe“) zu treffen und selbst möglichst nicht erwischt zu werden, mir und allen anderen Teilnehmern sehr viel Spaß. Bei einem gemütlichen Abendessen ließ ich den Tag ruhig ausklingen. Müde, trotz des Wochenendes, bereite ich mich vor auf den morgigen Tag.
Auf Wiedersehen aus Kiew,
Daniel K.
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