20.04.2009, Tag III
Der Kulturschock – das Aus für meine Kiew-Reise?
Endlich ausgeschlafen. Nach einem ausführlichen Frühstück hatte ich etwas Zeit und spielte mit Oliver und den beiden ukrainischen Austauschkindern Fußball in der Gartenanlage. Anschließend stiegen wir wieder in den Bus ein, ließen uns in Richtung Kiew fahren, sammelten unterwegs unseren Reiseführer auf und kamen in den Genuss des zweiten Teils der Stadtrundfahrt. Während wir uns gestern mehr einen groben Überblick verschafft haben, haben wir uns heute viele Dinge aus der Nähe angeschaut. An dieser Stelle muss ich korrigieren, dass Kiew nicht nur über 50, sondern weit mehr Kirchen hat. Die Zahl von gestern bezog sich auf eine Zeit, in der Kiew in etwa 130.000 Einwohner hatte. Heute sind es 3 Millionen. Zu meinen persönlichen Highlights gehörte zweifellos das Sophien-Kloster. Die Anlage ist schon fast 1000 Jahre alt, wurde zwischendurch von den Mongolen erobert und als Stall benutzt, hatte in ihren blühendsten Jahren eine Einnahme von 2,5Millionen Gold-Münzen im Jahr und ist nach wie vor sehr gut erhalten und von einer Schönheit, die weder in Worte noch in einfache Bilder zu fassen ist. Zu den Gold-Münzen: Es kam mir merkwürdig vor, dass Mönche so viel erwirtschaften, doch im Laufe der Zeit hat sich das Kloster viele Ländereien angeeignet, die anscheinend sehr ertragreich waren. Um einen Vergleich zu haben, wie viel eine Goldmünze wert war: Man brauchte drei davon um sich in jener Zeit eine gute Kuh zu kaufen (...). Kein Wunder also, dass sich auf den 13 Kuppeln insgesamt 11kg feinstes Blattgold befinden. Von der unbeschreiblichen Innenausstattung ganz zu schweigen.
Nachdem wir zwischendurch den Patriarchen (vergleichbar mit der Position des Papstes in der kath. Kirche), das Oberhaupt der orthodoxen Kirche, getroffen haben, der sich erstaunlicherweise ziemlich frei ohne jegliches Sicherheitspersonal umher bewegte, besichtigten wir noch viele andere Kirchen und Klöster aus der Nähe und landeten schließlich an einem ziemlich wichtigen, in direkter Nähe des großen Flusses am Rande der botanischen Gärten, die wir dann auch zum Teil auf dem Fußweg erkundeten. Es sei nebenbei bemerkt, dass wenn es eine Kirche gibt, die sich noch bunter und prächtiger als die kath. Kirche zeigt, es nach meinem jetzigen Wissensstand die orthodoxe sein muss. Weil Laufen bekanntlich hungrig macht, wurden wir anschließend abermals Gast eines gepflegten Restaurants, wo wir zu Abend aßen, denn unsere Tour endete nun nach rund fünf Stunden hier im Park.
Fünf Stunden gefüllt mit wissenswerten Informationen, vielen Informationen und Kultur. Um nicht dem berühmt-berüchtigtem Kulturschock zum Opfer zu fallen, bekomme ich von meinem Gastvater eine Unterweisung in verschiedene Kampfkünste. Er selbst ist passionierter Kampfsportler und hat auch ein Gerät, welches die Schlaghärte misst, parat. 150Kg mit der rechten Hand, das hatte ich nicht erwartet. Während mir weitere Techniken gezeigt werden, befindet sich Oliver mit seinem Austauschpartner im hauseigenen Schwimmbad und genießt das warme Wasser.
Es ist erst der dritte Tag und ich finde, dass ich mich bereits sehr gut eingelebt habe. Die Gastfreundschaft ist einzigartig, die Familie selbst auch. Ich könnte keine bessere Wahl getroffen haben, es wird gescherzt, geschmunzelt und gelacht.
Zum Abschluss des Tages gibt es noch eine kleine Portion Eis. Nun bereite ich mich auf den kommenden Tag vor.
In dem Sinne abermals gute Nacht aus Kiew,
Daniel Karthäuser
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