Sonntag, 6. September 2009

Highway to Hell -Die Abreise

30.04.09 Tag XIII
Highway to Hell - Die Abreise
Man, was habe ich in den letzten beiden Wochen nicht alles erlebt. Alles begann mit unserem deutschsprachigen Guide, der uns die Schönheit der Stadt vor Augen führte und uns zu kleinen Experten ausbildete. Nach den orthodoxen Osterfeiertagen erkundeten wir Kiew mit der Austauschgruppe, besuchten Teile des Weltkulturerbes und sahen weit mehr als nur ein paar Kirchen.
Doch das war noch lange nicht alles, was uns hier geboten wurde. Seien es die vielen Veranstaltungen in der Schule, das gut gemischte Programm allgemein, oder einfach nur die zwischenmenschliche Kommunikation. Und das Wichtigste: Alles was wir taten war immer mit einem Haufen Spaß verbunden.
Die Koffer habe ich gestern Abend gepackt. Ein letztes Mal werde ich von dem Chauffeur gefahren. Die Stimmung im Auto ist eher ruhig. Die Verabschiedung von den Gasteltern war sehr herzlich, aber auch traurig. Natürlich freue ich mich ein bisschen auf mein echtes zu Hause in Kerpen, doch möchte ich wirklich gehen? Die Autobahn führt gerade aus, zielstrebig führt sie auf das Zentrum zu. Die vielen Bäume an den Seiten scheinen enger an einander gerückt zu sein. So dicht, so bedrohlich wirken sie auf einmal, lassen keinen Ausweg offen, es geht gerade aus. Auch düstere Wolken ziehen auf, es steuerten wir geradewegs in ein Gewitter hinein. Das erste Mal stört mich der schnelle Fahrstil unseres Fahrers, kann er nicht ein bisschen langsamer fahren? Die vielen Blumensträuße, Unfallopfern gedacht, würde ich jetzt gerne als Trost für mich beschlagnahmen. Die Straßenlaternen scheinen sich vor mir zu verneigen, gucken traurig zu Boden. „On the Highway to hell“ (ACDC) tönt es in meinem Kopf. Naja, so schlimm wird es schon nicht sein. Was soll ich hier schon großartig vermissen? Meine neuen Freunde, insbesondere meine Gastfamilie, die Stadt, die Kultur, die Lebensart und besonders die Gastfreundlichkeit. An diese werde ich mich noch lange erinnern, weit über den Zeitpunkt hinaus, an dem ich meine hinzugewonnen Kilos wieder wegtrainiert habe. Abschiedsspaziergang durch Kiew. Ein letztes Mal diese Stadt erfahren. Dann beginnt der erste Teil eines langen Abschieds. Im Konferenzsaal, an dem Ort wo wir vor 13 Tagen Willkommen geheißen wurden, werden wir nun verabschiedet. Reden werden gehalten, kleine Gesten werden ausgetauscht und die ersten dicken Tränen kullern an einigen traurigen Gesichtern hinunter. Das Gepäck wird verladen, eine Aufgabe, bei der ich als begeisterter Tetris-Spieler im Vorteil bin. Denn es ist nicht leicht. Viele nehmen mehr Dinge mit zurück als sie hergebracht haben. Erfahrungen sind dabei nicht inbegriffen. Es hätte mich nicht verwundert, wenn es jetzt auch noch angefangen hätte zu regnen. Bestimmt setzte auch ein kalter Wind ein, von dem wir in dem Bus, der anscheinend über eine eigene (subtropische) Klimazone verfügte, aber nichts merkten. Ich wage es und werfe einen letzten, sehnsüchtigen Blick aus dem Fenster und blicke in ein Meer voller trauriger Gesichter und winkender Hände. Hätte eine bestimmte Person nicht das ständige, dringliche Bedürfnis sich mit lauter Musik umgeben zu müssen, wäre es im Bus wohl so leise, wie nach einem Bombeneinschlag gewesen.
Zweieinhalb Stunden Flug, dann sind wir zurück, in Köln. Wie ich festgestellt habe scheint zumindest über den Wolken die Sonne noch immer. Noch mindestens vier Monate, bis wir unsere Freunde an diesem Flughafen euphorisch Willkommen heißen werden. Bis dahin werde ich mich noch oft und gerne an diese wunderschöne Zeit in der Ukraine zurück erinnern.
Ich hoffe, ich konnte dem ein oder anderen an meinen Erfahrungen teilhaben lassen und vielleicht ist der ein oder andere ja neugierig geworden und möchte sich vor Ort von meinen Schilderungen überzeugen. Ich kann es nur empfehlen.
Wieder in Deutschland verabschiedet sich,
Daniel Karthäuser

Freitag, 4. September 2009

Zeiten des Aufruhrs

29.04.09 Tag XII
Zeiten des Aufruhrs
Der letzte wirkliche Tag neigt sich dem Ende zu, asynchron wächst die Gewissheit, dass auch mein Aufenthalt in dieser wunderbaren Stadt zu Ende geht. Wie ewig kamen mir die ersten Tage vor und wie schnell floss die Zeit letztendlich an mir vorbei?
Doch Zeit vergeht nicht immer gleich schnell. Gefällt uns etwas, haben wir Spaß fliegt sie nur so davon, ohne dass wir es bemerken. In den letzten Tagen ist sie immer schneller an mir vorbei gesaust. Eine alte Weisheit sagt, man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist. In den letzten Tagen erlebte ich ein Highlight nach dem anderen, ein Höhenflug der Gefühle, ja eher ein Rausch von Euphorie trug mich umher. Ich habe meine Koffer gepackt. Das Zimmer wirkt so leer und nackt. Ich rede mit meinem freudestrahlenden Austauschpartner. Eine gute Taktik, die traurige Gewissheit mit Witzen zu verdrängen. Wir lachen so viel, wie eigentlich jeden Tag. Doch diese Betrübnis lässt nicht los. Dunkle, depressive Wolken ziehen auf, im siebten Himmel der Gefühle.
Es war ein schöner Tag. Wir irrten durch die unterirdische Shopping-mall, schleuderten unser letztes Geld heraus, man könnte meinen um der ukrainischen Wirtschaft zu helfen, da wir dieses Land so lieb gewonnen haben, aber natürlich auch, weil viele Dinge hier sehr billig oder bei uns nicht erhältlich sind. Wir streifen auch durch andere Einkaufszentren. Ich werde hinterher geschleppt von zwei jungen Damen aus unserer Austauschgruppe, doch die Schaufenster nehme ich nur nebensächlich war. In der Schule bereitete uns die nette Belegschaft ein letztes Essen, das wir hier so oft genießen durften. Volksmündlich die Henkersmahlzeit genannt und so fühlte es sich auch an. In meiner Gastfamilie wurde mir dann eine zweite Henkersmahlzeit bereitet. Man, wie werde ich diesen Wildrosen-Tee vermissen...Stop!
Noch bin ich in Kiew. Uns wurde ein weiterer wunderbarer Tag zum Geschenk gemacht. Während unsere Austauschpartner leider im Unterricht schmorten, trieben wir uns herum, in der tollen Stadt.
Das Wetter war auf unserer Seite, wir scheinen einen loyalen Verbündeten zu haben. Doch der eigentliche Abschiedsspaziergang steht erst morgen an. Zu Hause (ja, bis jetzt bin ich diese Formulierung immer umgangen), erklärte uns unser Gastvater wieder einige nützliche Kampftechniken und praktische Übungen. Und jetzt werde ich gemeinsam mit Andrej (ein neuer Freund, mein Austauschpartner) das heutige Championsleague-Spiel gucken!
Damit verabschiede ich mich aus Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Morgen (oder je nach Erschöpfungsgrad übermorgen) wird ein Bericht des Abschlusstages und ein kurzes Resümee folgen.
Tschüss aus Kiew,
Daniel K.

Donnerstag, 3. September 2009

Immer munter, rauf und runter

28.04.09 Tag XI
Immer munter, rauf und runter
Runter auf den Boden und „hopp hopp“ ab durch die Ringe robben! Ein Seil hinauf und balancieren. Zu einem Pfosten im Boden sprinten und wieder fünf gebückte Runden im Vollgas um jenen Pfosten rasen. Auf ein Netz hinauf und wieder nieder auf allen Vieren dieses überqueren. Einen Steilhang hoch, auf der anderen Seite wieder abseilen. Noch einen Hügel erklimmen und mit einer abenteuerlichen Seilkonstruktion und angebrachter Seilbahn wieder hinunter düsen. Rauf und runter, immer munter, ja, das könnte das Motto des heutigen Tages gewesen sein. Was sich nach für den Krieg vorbereitenden Übungen anhört, wurde nicht von strengen Offizieren geleitet, sondern von einem ganzen Team von lustigen Abenteuer-Pädagogen auf die Beine gestellt und lief unter dem Namen „Abenteuerpädagogik“. Alle Schüler nahmen an dieser Pflichtveranstaltung teil. Zwischen den verschiedenen Aktivitäten galt es die Wegmarkierungen, die quer durch den Wald führten, nicht aus dem Auge zu verlieren und nebenbei Buchstaben für ein Lösungswort aufzuspüren. Wölfe begegneten uns bei unseren Streifzügen zwischen den Bäumen zwar nicht, dafür aber ein Wildhund, der uns die ganze Zeit über neugierig verfolgte. Das mehrstündige Programm war nicht sehr herausfordernd (da es auch für die Jüngeren schaffbar sein musste), brachte aber auf jeden Fall einen gewissen Spaßfaktor mit sich. Klassenweise, mit je einem betreuenden Lehrer im Team, eiferten die verschiedenen Mannschaften um die Wette. Auch uns, der deutschen Delegation, wurde am Ende zur Erinnerung eine Siegerurkunde samt Wappen der Schule verliehen. Die Veranstaltung, die einmal im Jahr statt findet, ging jedoch noch weiter. Es wurden Holzscheitel, um nicht sagen zu wollen Baumstämme, aufgestapelt und ein riesiges Lagerfeuer, das mehr an das Feuer eines St. Martinszug erinnerte, entzündet. Dann wurde von der Gitarre begleitetet gesungen, getanzt nicht, aber gelacht.
Nach einer abschließenden, gemeinsamen Aufräum- und Müllsammelaktion ging es dann mit den schuleigenen Bussen zurück ins Lyzeum. Während der Veranstaltung wurden mir die Vorteile einer kleineren Schule bewusst. Alle kennen sich, das Klima untereinander ist gut, das zu den vielen Lehrern auch. Wusstet ihr, dass wir eine scheinbar fast genau so gute Lehrer-Schüler-Relation haben, wie an dieser Privatschule? Ob 28 Lehrer auf 250 Schüler, oder 250 Lehrer auf 2200 Schüler, macht keinen großen Unterschied. Jedoch täuscht die unsrige Zahl, da es sich hier noch lange nicht um die Anzahl der voll arbeitenden Lehrkräfte handelt. Zieht man die Referendariats-Stellen und in Kurzzeit arbeitende Lehrer ab, fällt unsere Lehrerzahl deutlich geringer aus.
So verging auch dieser Tag. Langsam neigt sich mein Kiew-Aufenthalt dem Ende entgegen. Morgen heißt es schon wieder Sachen packen, um übermorgen wieder nach Deutschland zurück zu kehren. Ein Grund den morgigen Tag noch einmal richtig zu genießen!
Viele Grüße aus Kiew,
Daniel K.

Dienstag, 1. September 2009

Wer hat die größten Eier?

27.04.09 Tag X
Wer hat die größten Eier?
Wir schreiben das 21. Jahrhundert. Es ist der 27. April 2009. Die Frage, ob das Huhn oder das Ei zuerst war, interessiert jetzt keinen mehr. Wir fragen uns: Wer hat die größten Eier??
Der Kuckuck legt kleine, dafür bunte Eier. Hühnereier stellen für ein Kind eine ordentliche Portion dar. Gänseeier sind immerhin etwas größer. Doch das Ei eines Straußes übertrumpft sie alle! Gigantische 20-25 Hühnereier braucht man, um dem gleichen Inhalt eines einzigen Straußeneies, das in seltenen Fällen bis zu 2,5kg wiegt und nicht ganz die Größe eines Footballs erreicht, zu entsprechen.
Interessant ist, dass die Eier des afrikanischen Straußes zu den größten Eiern der Welt gehören, jedoch in Relation von Ei- und Körpergröße mit die kleinsten sind. Denn männliche Strauße werden bis zu 3m hoch, erreichen ein Gewicht von ca. 160kg, davon sind jedoch gerade einmal 30-40kg genießbares Fleisch. Wie grausam, mag ein mancher jetzt denken, dass ich erst die Faszination die von diesen Tieren ausgeht in den Vordergrund stelle, um nun auf ihren Verzehr und die damit verbundene Tötung dieser Lebewesen kommen. Doch natürlich sind mir diese Tiere nicht mitten in Kiew, auf den Kastanienbäumen, sprich in „freier Wildbahn“ begegnet (es sei angemerkt, dass diese größten Vögel unserer Erde nicht fliegen, dafür aber Geschwindigkeiten von kurzfristig bis zu 80km/h erreichen können, weshalb das mit „auf den Kastanienbäumen“ nicht ernst zu nehmen ist), nein, wir besuchten heute eine Straußenfarm!
Während einer sehr interessanten Führung wurden wir immer wieder von den neugierigen Tieren zum Lachen gebracht. So wurden wir gebeten, einen Mindestabstand von einem Meter oder mehr zu den Zäunen einzuhalten. Da die Tiere alles sehr genau untersuchen wollen, besonders glitzernde Dinge. Während wir also Abstand hielten, wurde unsere Führerin immer wieder von ihr in den Rücken fallenden Straußen attackiert, die besonders auf ihre Uhr aus waren.
Einen Strauß zu reiten, was ich sehr gerne getan hätte, war leider nicht möglich. Mir einen für ca. 1000$ zu kaufen war mir leider - in Angesicht einer weltweiten Wirtschaftskrise -, die man hier besonders stark erfährt, da die Schwellenländer jene noch viel stärker zu Spüren bekommen als z.B. eine Weltwirtschaftsmacht wie Deutschland (so befinden sich in unmittelbarer Nähe zum Haus in dem ich wohne viele unvollendete Villen, was sich mit der Finanzkrise erklären lässt), zu teuer. Ein beachtlicher Betrag für diese Tiere, doch uns wird so gleich erklärt, dass absolut alles (nicht nur das Fleisch) dieser Tiere weiter verarbeitet wird. So sei Straußenleder inzwischen begehrter als Krokodil-Leder. Naja, wer darauf steht...
Quasi als Ersatz für das nicht verpasste Straußenreiten zog es viele aus der Austauschgruppe, darunter zwei mutige Lehrerinnen, ganz nach dem Motto „gleich und gleich gesinnt sich gern“ auf ein Kamel. Auch ich kam in den Genuss dieses ungeheuren „Wackel-Vergnügens“.
Nach der Besichtigung trieb es uns auf einen in der Nähe gelegenen Spielplatz, wo wir uns so gleich austobten. Ein waschechter Abenteuerspielplatz, die Geräte (geschätzt anno 1946) ließen mit jedem Ächzen den Adrenalinspiegel in die Höhe schießen. Unsere verantwortungsbewussten Lehrpersonen konnten dies nicht weiter tatenlos mit ansehen, also ging es mit zwei gut gefederten Kleinbussen über eine mindestens genauso abenteuerliche Landstraße (das Wort „LAND-Straße“ bekommt hier eine ganz neue Bedeutung) wieder zurück in der Schule, an den Ort, an dem alles begann.
Auf jeden Fall war die Exkursion für alle ein sehr spaßiges und auch interessantes Erlebnis. Nachdem wir uns abermals in der Restaurant-Mensa verwöhnen ließen, durften wir einer weiteren Aufführung, die von Schülern der Schule vorbereitet wurde, beiwohnen. Diesmal stand eine moderne Fassung des altbekannten Märchens „Rotkäppchen“ auf dem Plan, welches als Musical ausgeschrieben war. Die Neuinterpretation mit einem Mädchen mit roter Baseballkappe und bösen Gangstern, die im Wald lauerten, ist definitiv gut gelungen. Wie mittlerweile gewohnt, war auch dies ein ereignisreicher Tag.
Viele Grüße aus der nördlichen Ukraine,
Daniel K.

Montag, 31. August 2009

Wochenende in Kiew

25.+26.04.09.Tag VIII und IX
Wochenende in Kiew
Ich blicke zurück auf eine ereignisreiche Woche. Endlich ausschlafen, durchatmen und erholen, dachte ich. Und so meine Erwartungen an das Wochenende. Doch, wie so oft, kam es anders als geplant. Ausschlafen konnte ich bis immerhin 10Uhr.
Danach hieß es aufstehen, duschen, frühstücken und ab in den Zirkus. In den Zirkus? Wer jetzt an bunte Zelte, unlustige Clowns und im Kreis jagende Pferde denkt, der war noch nie im ukrainischen Nationalzirkus. Auch ich war schon einige Male in größeren Manegen zu Gast, doch was ich hier erleben durfte, überragte alles, was ich bis jetzt in dieser Hinsicht gesehen hatte. Im Gegensatz zu den bei uns weit verbreiteten (im wahrsten Sinne des Wortes) Wanderzirkussen, hat der ukrainische Zirkus einen festen Sitz, mitten in der Hauptstadt. Bereits das kolosseumartige Bauwerk strahlt etwas Mächtiges, Überragendes aus. Wir schreiten die Stufen empor und blicken in eine noch ehrfürchtiger anmutende Eingangshalle. Wahrlich wie eine Arena, oder wie ein überdachtes Kolosseum, kommt es mir vor. Das hungrige Publikum klatscht begierig, als die Akteure, vom Orchester begleitet, die Manege betreten.
Dies ist der Beginn einer atemberaubenden, zusammenhängenden Show. Letzteres hat mich besonders beeindruckt. Die Übergänge waren absolut harmonisch. Die Umbauarbeiten werden von Gags, Tanzeinlagen und interaktiven Programmen geschickt in den Hintergrund gedrängt. Niemals wirkt die Vorstellung „hackig“ oder unterbrochen. Nein ganz im Gegenteil: Die zwei bis drei Stunden fließen schnell an mir vorbei. Dressierte Tiger, mit „Frauchen“ kuschelnde Löwen, springende Hunde, mit Feuer jonglierende Katzen, Stachelschweine und noch viel mehr Tiere beglücken das Publikum. Hunde, Katzen und Schweine hören sich nicht sehr exotisch an, doch was diese leisteten ist unvergleichbar, einzigartig und leider schwer zu beschreiben.
Doch dies alles wurde übertrumpft von den artistischen Meisterleistungen, die ihres Gleichen suchen. Gleich zu Beginn wurden Menschentürme gebildet, indem ein Artist auf den anderen katapultiert wurde. Sicherheitsseile oder ähnliche Instrumente waren nicht erkennbar. Die Akteure müssen sich voll auf ihre Kameraden verlassen können. In schwindelerregender Höhe fliegen Akrobaten umher, vollführen kunstvolle Überschläge – unter ihnen nur ein grobes Netz. Das Publikum ist sichtlich angespannt. Das hier ist live! Kein TV, keine Aufnahme irgendeiner Art, das geschieht hier und jetzt, vor meiner Nase. Alles kann passieren und es passiert. Ein Akrobat verfehlt seinen „Auffänger“, ein Raunen geht durch das Publikum, die Menge jubelt als er sich nach seiner Netzlandung wieder erhebt. Er begibt sich wieder auf die 15m über ihm liegende Plattform. Das erste Mal spüre ich eine leichte Anspannung bei einem der professionellen Akteure. Sein Partner hat ihn nicht gefangen, er ist unsicher, denn dieser Fehlschlag hat sein Vertrauen geschwächt. Doch er probiert es wieder und erntet einen gigantischen Beifall von dem berauschten Publikum, als er dieses Mal sein Ziel erreicht. In diesem Moment hat wohl nicht nur er, sondern das ganze Publikum durchgeatmet. Absolut sehenswerte Akrobatik. Das ist Weltklasse!
Nach der Vorstellung wurde ich Augenzeuge eines weiteren Spektakels. Einige Jungen aus der Austauschgruppe demonstrierten ihre geistige Entwicklung, indem sie mit bunten Leuchtstäben die epischen Gefechte aus den Star-Wars-Filmen nacheiferten. Die Versuche sahen weniger akrobatisch aus, waren dafür aber umso amüsanter.
Doch weiter ging es im Programm. Nach einem Stadtspaziergang, vorbei an der Wladimir-Kathedrale ging es zur Andreas-Kirche. Doch genau so interessant wie dieser waren die berühmten Ausstellungen der Straßenkünstler und die Waren diverser anderer Händler. Da wir etwas im Verzug waren, hatten wir leider nur wenig Zeit für einen Bummel.
Unser nächstes Ziel war der Hafen. Mit der Seilbahn, welche Ober- und Unterstadt verbindet, ließen wir uns hinab und erreichten schon bald unser Ziel. Es folgte eine Flussfahrt über den Dnjepr, der nach Wolga und Donau der dritt größte Fluss Europas ist. Während der mehrstündigen Fahrt wurden wir nicht von Delfinschulen, dafür aber von wärmenden Sonnenstrahlen begleitet. Die Schifffahrt war ein voller Erfolg. Es war eine wunderbare Gelegenheit sich mit verschiedenen Leuten aus der Gruppe auszutauschen.
Die Sonne ging langsam unter, als das Schiff wieder andockte. Empfangen wurden wir von unseren Gasteltern, die uns abermals zum Essen mitnahmen. Doch wer jetzt glaubt, danach fuhren wir nach Hause und gingen ins Bett, liegt ziemlich falsch. Es war Samstagabend, Zeit auszugehen. So führte es mich in eine der größten und modernsten Diskotheken Europas, in der auch bei uns bekannte Szene-Größen wie ATB oder Josh Gallahan in dieser Nacht ihre Platten auflegten. Die Atmosphäre war einzigartig. Ich bin noch nie bei einer derartigen Veranstaltung von solcher Größe dabei gewesen. Selbst gegen Mitternacht warteten junge Erwachsene sehnsüchtig darauf in die volle Halle eingelassen zu werden. Mich würde interessieren, wie viele Menschen sich an diesem Abend dort befanden; Ich weiß es leider nicht. Wir feierten bis spät in die Nacht und hatten sehr viel Spaß. Wie lange wir dort geblieben sind, weiß ich leider auch nicht mehr.
An was ich mich jedoch umso besser erinnere, ist der heutige Tag 9, der sich jetzt so langsam seinem Ende zuneigt. Wir fuhren in eine Art „Indoor-Freizeitpark“, den ich „Kinder-Las-Vegas“ taufte. Auch dieser machte einen neuartigen, modernen Eindruck. Die vielen Spielautomaten erinnerten mich an diverse amerikanische Filme. Unter anderem konnte man sich in ein Cockpit setzen und Auto fahren, spürte dabei jede Vibration und hatte selbstverständlich die Pedalen und ein Lenkrad, so wie eine Gangschaltung zur Verfügung. Eine wunderbare Gelegenheit meine wilden „Autofahrfantasien“ auszuleben, von denen ich es bevorzuge im wirklichen Straßenverkehr abzulassen.
Das Highlight in diesem Center war jedoch das „Laser-Game“. Bei diesem Spiel, bei dem man sich selbst und nicht die Recheneinheiten eines Computers betüchtigen musste, bekam man eine futuristisch aussehende Ausrüstung: Eine Weste mit blinkenden Zielsensoren und eine Laserwaffe vervollständigten das Rüstzeug. Wir bildeten mit unseren Austauschpartnern ein Team und spielten gegen eine andere Gruppe. Das Spiel fand in einem verdunkelten Gebäudetrakt statt. Trotz meiner anfänglichen Missverständnisse und Unfähigkeit, bereitete dieses Spiel, bei dem es darum ging auf die Zielsensoren der Gegner (Spieler eines Teams hatten die selbe „blinkende Farbe“) zu treffen und selbst möglichst nicht erwischt zu werden, mir und allen anderen Teilnehmern sehr viel Spaß. Bei einem gemütlichen Abendessen ließ ich den Tag ruhig ausklingen. Müde, trotz des Wochenendes, bereite ich mich vor auf den morgigen Tag.
Auf Wiedersehen aus Kiew,
Daniel K.

Sonntag, 30. August 2009

Halbzeit in Kiew

24.04.09 Tag VII
Halbzeit in Kiew
Auch dieser Tag begann mit dem Besuch einer Unterrichtsstunde (heute Ukrainisch, ich habe nicht viel verstanden) und dem darauf folgendem Frühstück. Danach machte sich die deutsche Austauschhälfte auf, den Zoo von Kiew zu erkunden. Da wir mit den zoologischen Gärten in Köln und Duisburg sehr verwöhnt sind, hatte der Kiewer Zoo nicht wirklich etwas Neues zu bieten. Viele Käfige standen leer, die meisten Tiere waren Vögel und die Gehege vieler Tiere würden zum Großteil nicht den deutschen Tierschutzgesetzen entsprechen. Während den Reinigungsarbeiten in einem Insekten-Käfig wurden wir zudem Zeuge, wie sich viele Schaben und andere Insekten in die Gänge verabschiedeten, daraufhin verließen wir schlagartig das Tropenhaus. Die Höhepunkte waren die Zuckerwatte für umgerechnet 35cent, sowie der Streichelzoo. Letzterer rettete der Gruppe mit der ich unterwegs war mehr oder weniger den Tag, da wir hier die meiste Zeit verbrachten, nachdem wir in kürzester Zeit das gesamte Gelände erkundet hatten. In dem Streichelzoo gab es neben Gänsen, Meerschweinchen, Hasen, Hühnern, einem Esel, einem Schaf und Ziegen vor allem Schweine. Diese launischen Geschöpfe bereiteten uns allen Grund zur Freude, wenn sie uns z.B. von hinten an unser Bein stießen und so provokativ Futter forderten oder anfingen, an unseren Schuhen herum zu knabbern. Neben diesen gezähmten, ja fast kultivierten Lebewesen, die kaum mehr natürliche Scheu zeigten, ließ uns der Zoo tatsächlich ein Stück Wildnis erfahren: Bevor man ein Tier zu Gesicht bekam musste man oft (gefühlte) stundenlange Wanderungen in Kauf nehmen, die vorbei oder direkt durch diverse Grünflächen führten. Auch wirkten viele Trennungen zwischen Mensch und Tier nicht sehr Vertrauens erweckend. Wir fühlten uns bei Nahe, wie echte Abenteurer, als wir den Wölfen Gesicht zu Gesicht gegenüber standen und im Stillen hofften, dass der geringe Bewegungsfreiraum ihre Sprungkraft geschwächt hat. Da kuschelten wir lieber mit dem Esel, der es besonders Oliver angetan hatte und das dringliche Bedürfnis zeigte ständig dessen Anziehsachen in den Mund zu nehmen. Oder aber wir fütterten die mürrischen Schweine.
Schnell verging die Zeit und so machten wir uns nach einem Gruppenfoto zurück in unser Ausgangslager für diese „Safari“, in die Schule. Dort verbrachten wir dann auch den Rest des Tages. Wir folgten der Einladung unserer Gastschule in das von Schülern einstudierte Theaterstück und Meisterwerk Shakespeares „Romeo und Julia“, das jedoch auf Grund der wirklich vielen Gesangs- und Musikeinlagen mehr an ein Musical erinnerte. Es war wohl eine kreative Mischung aus Beidem. Während dem „Theamusical“ durften wir einige wirklich begnadete Schauspieler kennen lernen. Auch einige Eltern nutzten die Gunst der Gelegenheit, um live zu erleben, was ihre Kinder so alles auf die Beine stellen. Übrigens war das Stück auf Englisch.
Nach der Tea-Time und einem weiteren Fußballspiel zusammen mit den Ukrainern trennten sich dann die Wege. Oliver und ich gingen mit unserer Gastfamilie ins Schwimmbad. An dieser Stelle ein kleines Experiment. Was fällt dir als erstes ein, wenn du das Wort Schwimmbad hörst? Spaß, Wasser, Wasserrutschbahnen, Sprungtürme, Liegestühle, vielleicht auch Sonne? Ähnlich ging es uns Beiden auch. Umso verblüffter waren wir, als wir uns auf einmal in einer edlen, schicken Halle mit einem einzigen (natürlich nicht langweilig rechteckig, sondern ansprechend geformten) Schwimmbecken wieder fanden. Ob die Ukrainer wohl so etwas wie Spaßbäder kennen? Da hätten wir auch zu Hause bleiben können. Hätten wir, denn jetzt kommt es noch besser. Wir hatten die Schwimmhalle ganz für uns und nahmen nun an dem privaten Schwimmunterricht unserer beiden Austauschpartner teil. Als ich mir etwa 15min vor Ende einen Krampf in meiner Wade zuzog und die Frage, ob mir kalt sei (ich saß zitternd am Beckenrand) bejahte, kam ich in den Genuss mich in die dazugehörige Sauna setzten zu dürfen, die ich ganz für mich hatte und in der ich auf das Ende des Unterrichts gewartet habe. Anschließend ging es nach Hause, wo wir mit einem schmackhaften Essen empfangen wurden.
Heute ist Halbzeit in Kiew. Genau genommen, befinden wir uns bereits in der zweiten Runde. Ich finde von Tag zu Tag mehr Gefallen an dieser Stadt und auch an diesem Lebensstil. Der Spaßfaktor stieg in den letzten Tagen immer weiter an, ja geradezu exponentiell! Ich kann mittlerweile sehr viel kyrillisch Lesen und werde dieses persönliche Ziel (nach dem Austausch kyrillisch Lesen zu können) nach Ablauf der zweiten Hälfte wohl erreicht haben. Doch jetzt ist erst einmal Wochenende.
Liebe Grüße aus Kiew und genießt die freien Tage!
Daniel K.

Freitag, 28. August 2009

Eine große Stadt ganz klein

23.04.09 Tag VI
Eine große Stadt ganz klein
Heute wurde ich Zeuge eines innovativen Unterrichtskonzepts. Mir wurde die Ehre zu teil, dem Englisch-Unterricht der 10. Klasse beiwohnen zu dürfen. Vorab muss man wissen, dass es in der Schule einen extra „Sprach-lern-Raum“ gibt. Dieser sieht mehr wie ein Computerraum aus, da er mit zahlreichen Computern und den dazugehörigen Headsets, einer Beamereinheit und einem Weltempfängerradio ausgestattet ist. Als ich den Raum betrat, war das erste, was mir auffiel das englische Radio, welches im Hintergrund lief. Der zuständige Lehrer begrüßte mich freundlich und leitete eine Vorstellungs- und Fragerunde für die ukrainische Schüler und mich ein. Am meisten interessierte sie verständlicherweise unsere Schule, von der sie bereits viele Dinge gehört zu haben schienen, die sie jedoch verifizieren wollten (Yes, we have really more than 2000students.).
Anschließend hörten wir (jeder für sich mit seinem Headset) die (aktuellen!) Kindernachrichten der BBC. Dann mussten wir am PC auf einer Word-Vorlage einen Lückentext auszufüllen und Fragen beantworten. Danach gab es wieder eine Diskussionsrunde (es ging vor allem um die momentanen Wahlen in Südafrika), in die jeder Schüler vom Lehrer verwickelt wurde. Sozusagen als Auflockerung sangen wir danach das Lied „You never walk alone“, beschäftigten uns mit einem englischen Lernspiel (natürlich am PC) und wurden danach zum Frühstück in die Pause entlassen. Mir hat diese Unterrichtseinheit sehr gut gefallen. Der Schwerpunkt scheint hier sehr auf dem Verstehen von Englisch, aber auch auf dem Sprechen (von mehr als einem Satz) zu liegen.
Im Anschluss an das Frühstück machten wir uns abermals auf, um gemeinsam das Abenteuer U-Bahn zu bestehen. Geschlossen als Gruppe bahnten wir uns einen Weg durch die Masse, jeder hatte ein Auge auf seinen Nachbarn und ein zweites auf Oliver (er weiß warum ;-) ). Wie Tiere in ihren Höhlen lauerten die Straßenbahnen in den spärlich beleuchteten Katakomben. Und wie Schlangen, die nach Beute schnappen, beschleunigten sie mit einem ungeheuren Tempo und bremsten so abrupt ab, dass sich in unerfahrenen Gruppen, wie wir z.B. eine waren, besonders bei der ersten Anfahrt/Bremsung schnell der Domino-Effekt einstellte. Kein Wunder, dass Damen auf den Bahnstationen beschäftigt waren, deren offensichtliche Aufgabe darin bestand, die Leute hinter die Sicherheitsmarkierung zu verweisen. Eine sinnvolle Maßnahme.
Wie auch immer. Nach dieser Achterbahnfahrt waren wir dann nur noch wenige Schritte von unserem Expeditionsziel entfernt. Möchte man sich in 15Minuten einen Überblick über Kiew und seine bedeutendsten Bauwerke verschaffen, hat man prinzipiell zwei Möglichkeiten: Man kann sich einen Jet mieten und über Kiew düsen, oder man besucht das Miniaturland, in dem man die wichtigsten Monumente sogar aus der Nähe bestaunen kann. Während der kurzen Führung gab es nur wenig Neues zu erfahren. Die Gebäude waren im Vergleich zueinander nicht maßstabsgetreu und auch nicht sehr detailliert. So wurde gespottet, dass selbst die Gebäude im Legoland naturgetreuer seien.
Nach diesem Besuch ging es in die Stadt, wo wir etwas Freizeit hatten, welche von den meisten genutzt wurde, um sich auf das beliebte Fastfood-Restaurant „Zu den goldenen Bögen“ zu stürzen, das hier etwa halb so teuer ist, wie die Kopie in Deutschland. Mit Magenschmerzen geplagt ging es dann zu Fuß zurück zur Schule. Nach dem wohltuenden Verdauungsspaziergang nahmen einige wenige ihr „offizielles“ Mittagessen zu sich.
Nach einer kurzen Mittagspause folgten wir der Einladung zu einem Konzert, das von vielen Schülern verschiedener Jahrgangsstufe vorbereitet war. Von einem sehr jungen Moderator, der uns alle mit seinem „niedlichen“ Deutsch verzauberte, wurden wir durch das Programm geführt. Es war breit gefächert. Es reichte von Coversongs, über Tanzeinlagen, Rockklängen und Gitarrensolos bis hin zu einem kleinen Orchesterstück, das den Abschluss der rundum gelungenen Show bildete. Wir fühlten uns aufgrund des uns gewidmeten Konzerts sehr geehrt und zeigten unsere Begeisterung in tobendem Beifall.
Nach der „Tea-Time“ kamen wir dann noch in den Genuss einer Tennis-Stunde und verließen ausgepowert, aber glücklich um halb 6 das Lyzeum.
Im Anschluss war ich mit meiner Gastfamilie noch bowlen - in einem modernen, schicken Bowlingcenter. Dies bildete den Abschluss eines sonnigen Tages, der mir zu meiner Erkältung, die vermutlich von der Klimaanlage des Hauses stammt, noch einen Sonnenbrand bescherte.
Sonnige Grüße aus Kiew,
Daniel K.