30.04.09 Tag XIII
Highway to Hell - Die Abreise
Man, was habe ich in den letzten beiden Wochen nicht alles erlebt. Alles begann mit unserem deutschsprachigen Guide, der uns die Schönheit der Stadt vor Augen führte und uns zu kleinen Experten ausbildete. Nach den orthodoxen Osterfeiertagen erkundeten wir Kiew mit der Austauschgruppe, besuchten Teile des Weltkulturerbes und sahen weit mehr als nur ein paar Kirchen.
Doch das war noch lange nicht alles, was uns hier geboten wurde. Seien es die vielen Veranstaltungen in der Schule, das gut gemischte Programm allgemein, oder einfach nur die zwischenmenschliche Kommunikation. Und das Wichtigste: Alles was wir taten war immer mit einem Haufen Spaß verbunden.
Die Koffer habe ich gestern Abend gepackt. Ein letztes Mal werde ich von dem Chauffeur gefahren. Die Stimmung im Auto ist eher ruhig. Die Verabschiedung von den Gasteltern war sehr herzlich, aber auch traurig. Natürlich freue ich mich ein bisschen auf mein echtes zu Hause in Kerpen, doch möchte ich wirklich gehen? Die Autobahn führt gerade aus, zielstrebig führt sie auf das Zentrum zu. Die vielen Bäume an den Seiten scheinen enger an einander gerückt zu sein. So dicht, so bedrohlich wirken sie auf einmal, lassen keinen Ausweg offen, es geht gerade aus. Auch düstere Wolken ziehen auf, es steuerten wir geradewegs in ein Gewitter hinein. Das erste Mal stört mich der schnelle Fahrstil unseres Fahrers, kann er nicht ein bisschen langsamer fahren? Die vielen Blumensträuße, Unfallopfern gedacht, würde ich jetzt gerne als Trost für mich beschlagnahmen. Die Straßenlaternen scheinen sich vor mir zu verneigen, gucken traurig zu Boden. „On the Highway to hell“ (ACDC) tönt es in meinem Kopf. Naja, so schlimm wird es schon nicht sein. Was soll ich hier schon großartig vermissen? Meine neuen Freunde, insbesondere meine Gastfamilie, die Stadt, die Kultur, die Lebensart und besonders die Gastfreundlichkeit. An diese werde ich mich noch lange erinnern, weit über den Zeitpunkt hinaus, an dem ich meine hinzugewonnen Kilos wieder wegtrainiert habe. Abschiedsspaziergang durch Kiew. Ein letztes Mal diese Stadt erfahren. Dann beginnt der erste Teil eines langen Abschieds. Im Konferenzsaal, an dem Ort wo wir vor 13 Tagen Willkommen geheißen wurden, werden wir nun verabschiedet. Reden werden gehalten, kleine Gesten werden ausgetauscht und die ersten dicken Tränen kullern an einigen traurigen Gesichtern hinunter. Das Gepäck wird verladen, eine Aufgabe, bei der ich als begeisterter Tetris-Spieler im Vorteil bin. Denn es ist nicht leicht. Viele nehmen mehr Dinge mit zurück als sie hergebracht haben. Erfahrungen sind dabei nicht inbegriffen. Es hätte mich nicht verwundert, wenn es jetzt auch noch angefangen hätte zu regnen. Bestimmt setzte auch ein kalter Wind ein, von dem wir in dem Bus, der anscheinend über eine eigene (subtropische) Klimazone verfügte, aber nichts merkten. Ich wage es und werfe einen letzten, sehnsüchtigen Blick aus dem Fenster und blicke in ein Meer voller trauriger Gesichter und winkender Hände. Hätte eine bestimmte Person nicht das ständige, dringliche Bedürfnis sich mit lauter Musik umgeben zu müssen, wäre es im Bus wohl so leise, wie nach einem Bombeneinschlag gewesen.
Zweieinhalb Stunden Flug, dann sind wir zurück, in Köln. Wie ich festgestellt habe scheint zumindest über den Wolken die Sonne noch immer. Noch mindestens vier Monate, bis wir unsere Freunde an diesem Flughafen euphorisch Willkommen heißen werden. Bis dahin werde ich mich noch oft und gerne an diese wunderschöne Zeit in der Ukraine zurück erinnern.
Ich hoffe, ich konnte dem ein oder anderen an meinen Erfahrungen teilhaben lassen und vielleicht ist der ein oder andere ja neugierig geworden und möchte sich vor Ort von meinen Schilderungen überzeugen. Ich kann es nur empfehlen.
Wieder in Deutschland verabschiedet sich,
Daniel Karthäuser